Am Ende steht ein Traum

Ein Auszug aus einer wahren Geschichte von Alexander Kaschte

[Eine längere Version dieses Textes ist im Booklet der 4fach DVD/CD-Box "Einer gegen Alle" zu finden]

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem wir abgefahren sind. Ich bin am frühen Morgen über Champs Grab gekniet und habe geweint - später würde ich wegen meiner deshalb geschwollenen Augen die einzige Einstellung, in der mein Gesicht auf der Fahrt nach Augsburg zu unserem ersten Konzert zu sehen ist, nicht in unser filmisches Tourtagebuch mit aufnehmen wollen; zu Recht, denn ich habe mich selten hässlicher und verbrauchter gesehen als an diesem Vormittag.

Die Wochen vor der „a.Ura"-Tour waren für mich die Hölle. Die Produktion des Albums hatte sowohl an meinen Nerven als auch an meiner Geduld und meiner Ausdauer gezerrt; ich fühlte mich selbst nicht mehr, war gereizt, ungehalten und überreagierte, wo immer ich konnte, um den Druck in mir abzubauen. Alle an der Produktion beteiligten Menschen arbeiteten auf Hochtouren und waren nicht selten meinen Selbstzweifeln und meiner Launenhaftigkeit ausgesetzt. Im Studio musste sich mein Aufnahmeleiter und Toningenieur Bernd Mazagg von mir oftmals die gegensätzlichsten Meinungen über meinen Gesang anhören. Hielt ich mich eben noch für den großartigsten Künstler der Welt, so war ich im nächsten Augenblick auf jedes Kompliment angewiesen und fischte in den Augen meines Gegenübers nach der wahren Beurteilung der bisherigen Aufnahmen. Ich betrachtete Aussagen wie: „Ich weiß nicht, was Du hast, das war doch gut!" als Lüge. Ich wusste mit der Zeit weder, wo oben noch wo unten war, was mich aus heutiger Sicht nicht verwundert, haben wir doch aus Zeit- und Budgetgründen innerhalb von 10 Tagen sämtliche Gesangsstimmen des „a.Ura"-Albums eingesungen und sechs Songs gemischt; ein Unterfangen, von dessen Umsetzung ich am Anfang der Produktion ohne mit der Wimper zu zucken überzeugt gewesen bin. Parallel zu unserer Arbeit im Studio zeichnete sich Ingo Römling, der für die Illustrationen und das Layout der limitierten „a.Ura"-Box verantwortlich war, in den Wochen vor seinem Abgabetermin die Finger wund. Unmittelbar vor der Deadline beschloss ich in einem für mich typischen Anfall von Perfektionismus, Ingo sämtliche von ihm gesetzten Zeilenumbrüche so korrigieren zu lassen, wie es das Versmaß und das Metrum meiner Texte vorsahen. Während eines dreistündigen Telefongesprächs klickten wir uns durch jede einzelne Zeile des „a.Ura"-Albums, und ich murmelte durch den Hörer, an welcher Stelle Worte vorgezogen oder Absätze gemacht werden mussten.

Dann sass ich da: sämtliche Aufnahmen waren im Kasten, das Artwork war fast fertig und innerhalb von 20 Tage sollte ich 18 Lieder mixen. Mein Equipment wurde aus meinem Musikzimmer in die Küche verfrachtet, da dies der einzige Raum in unserer damaligen, recht kleinen Wohnung war, an dem die Monitorboxen in einem für den Endmix unerlässlichen, korrekten Abstand und Winkel zueinander aufgestellt werden konnten. Die Mikrowelle und der Wasserkocher wichen dem Computerbildschirm, um an Teller und Müllsäcke zu gelangen musste ich mich durch Kabel kämpfen. Draußen war es herbstlich und ungemütlich, in der Studio-Küche war es heiß wie in der Hölle. Wir hatten mit Holz zu heizen, und mein abgehalfterter Chefsessel musste aus Platzgründen direkt neben dem Ofen stehen. So wie ich oft während dem Produzieren oder Komponieren das Essen vergesse, so oft habe ich es versäumt, Holz nachzulegen, und das Feuer ging aus. Ich habe diesen Ofen gehasst, auch wenn ich im vergangenen Winter manchmal vor ihm sass, durch die Glasscheibe in die Flammen starrte und meinen Gedanken nachhing. Alles in allem hat mir die Produktion von „a.Ura und das Schnecken.Haus" alles andere als Spaß gemacht. Morgens wollte ich nicht aufstehen, ich hätte am liebsten vor dem riesigen Berg Arbeit, den ich mir aufgehalst hatte, resigniert; abends wollte ich nicht ins Bett gehen, da ich unberechtigterweise nie das Gefühl hatte, etwas geleistet zu haben.

Während dieser drei Wochen sind etliche Dinge passieren, die mein angekratztes Nervengerüst weiter strapaziert haben. Eines Abends wurde der Computer-Bildschirm plötzlich schwarz, der Rechner startete sich neu und zeigte nichts weiter als das Logo eines Prozessorherstellers an; Schweigen machte sich breit und wich langsam blankem Entsetzen, als trotz aller Versuche, die Störung zu beheben, nichts mehr zu funktionieren schien. Der Computer wollte nicht weiterarbeiten und hielt meinen Bemühungen trotzig das Surren seiner Lüftung entgegen. Die Frau am Telefon des Kundendienstes verlangte mir eine Serien-Nummer ab, ich kroch wieder einmal durch Kabel, kritzelte die Nummer auf einen kleinen gelben Zettel, rief sie zurück und erfuhr, dass ich den Computer zur Reparatur in einem 70 Kilometer entfernten Laden abgeben solle, er würde dann eingeschickt werden. Vorher hätte ich gemäß der Geschäftsbedingungen alle Daten von der Festplatte zu löschen und den Auslieferungszustand herzustellen. Ich beendete das keine Hilfe versprechende Gespräch, man wünschte mir mitleidig viel Glück. Ich rannte zurück in die Küche, der Bildschirm blieb weiterhin schwarz. Ich startete der Computer eine halbe Ewigkeit lang immer wieder erfolglos neu. Irgendwann rief ich die Plattenfirma an und berichtete von dem Vorfall. Die Euphorie der vergangenen Wochen und der Glaube an meine Band verfolgen am anderen Ende der Leitung in wenigen Sekunden, plötzlich war von der Rückzahlung von Vorschüssen die Rede, bisher geschaltete Werbung habe im Falle einer durch den System-Crash verursachten Verschiebung des Veröffentlichungstermins von mir erstattet zu werden. Ich wollte in den Wald rennen und ein Erdloch graben, um mich hineinzulegen und zu warten, bis jemand kommen und mir sagen würde, was ich als nächstes tun solle. Nach dem Telefonat ging ich, bis in die letzte Haarspitze mit einem Gemisch aus Panik und Wut erfüllt, wieder in die Küche und sah meinen blauen Desktop: gerade so, als wäre nie etwas passiert. Alle Programme liefen wie zuvor, es war nichts verloren oder kaputt gegangen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich den Rechner bis zum Ende der Produktion nicht mehr ausgeschaltet; er arbeitete weiterhin reibungslos. Mir war mittels dieses Zwischenfalls eine Lektion verpasst und kurzzeitig die Freude an meiner Arbeit zurückgeben worden.

48 Stunden vor dem Moment, in dem der Kurier laut unserer Planung vor meiner Tür stehen sollte, um von mir einen die Master-CDs beinhaltenden Umschlag entgegen zu nehmen, statteten wir einem befreundeten Produzenten einen Besuch ab, den ich auf eine Empfehlung und diverse Referenzen hin mit den Arbeiten an zwei Stücken des „a.Ura"-Albums beauftragt hatte. Leider sollte sich herausstellen, dass seine Arbeitsweise bei einer anderen Band zwar ausgezeichnet funktioniert hatte, auf SAMSAS TRAUM übertragen aber alles andere als meinem Geschmack entsprach: ich konnte und wollte die von ihm angefertigten Mixe auf keinen Fall verwenden. Auf meinem Zeitplan standen deshalb nicht mehr drei, sondern fünf verbleibende, ausgerechnet lange und komplexe Lieder, die innerhalb von zwei Tagen fertig zu sein hatten. Ich habe in der folgenden Zeit sehr viel Koffein zu mir genommen und wenig geschlafen; die Nacht vor der für 8.00 Uhr verabredeten Ankunft des Kuriers habe ich durchgearbeitet. Den vorangegangenen Tag über hatte ich mit „A.usgesperrt" zu kämpfen, bis in die Morgenstunden sass ich an „Blut ist in der Waschmuschel". Als endlich alles vorbei war, tanzte ich durch unsere Wohnung und machte Fotos von der Studio-Küche, damit ich mich immer an diese Nacht erinnern würde. Es war ein letzter Höhenflug vor dem totalen Zusammenbruch, denn wenig später triumphierte mein Körper über meinen Willen und schickte mich fiebrig ins Bett. Dass der Kurier erst gegen 14 Uhr eintraf, war mir gänzlich egal; das Album war fertig, und zu diesem Zeitpunkt brachte ich bereits auf Grund der Erschöpfung keinen zusammenhängenden Satz mehr heraus.

Während der Zeit der Produktion leistete mir hauptsächlich Vivian Gesellschaft, was mich sehr überraschte, denn bisher hatte sie ihre Zuneigung zurückgehalten. Champ, zu dem ich die intensivste Beziehung aufgebaut hatte, zog sich zunehmend zurück, wurde von den anderen Katzen gemieden und suchte die Einsamkeit. Wir wussten seit geraumer Zeit, dass er an chronischem Nierenversagen litt, einer Krankheit, bei der das Gewebe der Nieren langsam zerstört wird und deshalb Schadstoffe nicht mehr aus dem Blut gefiltert werden können, während der Körper kontinuierlich an Flüssigkeit verliert. Bei rechtzeitigem Erkennen der Krankheit kann die noch gesunde Niere durch die entsprechende Medikation dazu angeregt werden, die Nierenfunktion der erkrankten Niere zu übernehmen. Champ verweigerte allerdings oft die Aufnahme seines mit Medizin versetzten Futters; seine Nierenwerte verschlechterten sich mit der Zeit drastisch. Er verlor zunehmend an Gewicht, sein Fell wurde struppig, er trocknete langsam innerlich aus.

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