SAMSAS TRAUM Gothic-Interview zu "a.Ura und das Schnecken.Haus"

01. "a.Ura und das Schnecken.Haus" heißt das bald zur Veröffentlichung anstehende SAMSAS TRAUM-Album. Beinahe wäre es nicht zur Veröffentlichung gekommen. Würdest du noch einmal den Werdegang des Albums von der anfänglichen Idee bis zur jetzigen Umsetzung skizzieren?

Nein, darauf habe ich im Augenblick überhaupt keinen Bock. Es ist absolut nichtig, wann ich mich wieso mit meiner Plattenfirma darüber gestritten habe, wie viel Geld ich wofür bekomme und für was ich es gottverdammt nochmal ausgebe. Im Endeffekt resultierten alle im Vorfeld aufgetretenen Probleme und Differenzen in erster Linie daraus, dass ich mir in finanzieller und aufnahmetechnischer Hinsicht den Kopf darüber zerbrechen musste, wie ich das Album am besten produzieren sollte. Darüber hinaus fällt es mir äußerst schwer, „a.Ura..." zu veröffentlichen. Ich habe eine starke emotionale Bindung zu der Platte und der mit ihr verbundenen Geschichte und leide im Augenblick an extremen Depressionen, die mit dem Stress der Endphase der Produktion zusammen schreckliche Gefühle und Gedanken in meinem Kopf entstehen lassen. Ich setze mich selbst unter großen Druck. Zu allem Überfluss hatten wir gestern einen äußerst rabiaten Systemfuckup auf unseren Studiorechnern, und gerade teilte mir meine Lebensgefährtin per SMS mit, dass ihr Auto angefahren wurde. Mein Freund, im Augenblick möchte ich nicht in meiner Haut stecken.

02. Zwischen "Tineoidea" und dem neuen Werk lagen zwei weitere Veröffentlichungen mit insgesamt vier CDs samt dazugehöriger T-Shirt-Designs. Hast du bereits die fast zwangsläufigen Reaktionen erhalten, die dir Geldschneiderei vorwerfen?

Sicherlich gibt es immer Leute, die mir Ausverkauf vorwerfen bzw. egoistische Fans, die nicht damit klar kommen, dass SAMSAS TRAUM gerade dabei sind, sich aus dem oberen Mittelfeld in eine ganz andere Liga emporzuarbeiten. Diese Leute ziehen ihr Weltbild und ihr Selbstwertgefühl aus Bands und Regeln, die sie für sich beanspruchen. Wird ihre Lieblingsband bekannter, haben sie das Gefühl, dass sie selbst gewöhnlicher werden und ihre Einzigartigkeit als Teil einer Randgruppe verlieren.

Mir ist das, verzeihe mir bitte meine Wortwahl, scheißegal. Es ist sehr schwierig, als Künstler von seiner Kunst zu leben, und diese Aufgabe beansprucht jede Minute meines Tages. Der Verkauf von Merchandising-Produkten macht mittlerweile den Löwenanteil meines Einkommens aus, und es gibt keine Grund dafür, Marktsegmente auf Grund egoistischer Fans zu verschenken oder nicht gewinnbringend zu verwerten. Ich denke außerdem, dass wir beide einer Meinung sind, dass SAMSAS TRAUM bisher immer Qualität auf höchstem Niveau abgeliefert haben. Unsere Fans bekommen etwas für ihr Geld. Gerade die Aufmachung der limitierten „a.Ura"-Erstauflage sollte verdeutlichen, dass wir uns wie bei allen unseren anderen Veröffentlichungen größte Mühe gegeben haben; das optische Erscheinungsbild von „Tineoidea" war schon sehr beeindruckend, nun haben wir nicht nur das Format vergrößert, sondern auch die Länge eines Albums verdoppelt, ein riesiges Booklet beigelegt, einen VideoClip verschenkt und das ganze nochmal in einen Schuber gesteckt. Was kommt als nächstes? Die Veröffentlichung alternativer Energiequellen?

03. Zum neuen Album wurde deinerseits ein neoklassicher Sound angekündigt, bombastisch und mit enormem Aufwand umgesetzt. Erzähl doch bitte, was exakt habt ihr da aufgenommen habt; oder nehmt ihr noch auf, wer war wie daran beteiligt?

Im Endeffekt war der neoklassische Sound genau der Knackpunkt in den Verhandlungen mit meiner Plattenfirma; ursprünglich hätte ein Album dieser Stilrichtung verdient, von echten Musikern eingespielt zu werden, und ich hatte die Hoffnung gehegt, dass es vielleicht klappen könnte. Die Produktion wäre jedoch nach der Meinung von Trisol für eine Band in der Größenordnung von SAMSAS TRAUM nicht finanzierbar gewesen, und ich musste leider einsehen, dass sie Recht hatten. Wir haben uns nach langen Diskussionen auf ein Budget einigen können, dass mir die Produktion eines Hybriden ermöglichte, der zwischen meinem Wunschdenken und den Forderungen meiner Plattenfirma anzusiedeln ist. Wir ließen schlussendlich die klassischen Instrumente, den Bass und das Schlagzeug von Software-Synthesizern spielen, für die Gesangs-, Klarinetten-, Saxophon- und Gitarrenaufnahmen haben wir drei unterschiedliche Studios aufgesucht und konnten durch dieses Produktionsverfahren die Klangqualität im Vergleich zu vorherigen SAMSAS TRAUM-Alben erheblich steigern. Leider muss man sich jeden weiteren Entwicklungsschritt hart erkämpfen; auf dem nächsten Album wird aber auf alle Fälle endlich ein echter Schlagzeuger und ein echter Bassist zu hören sein, wir habe die richtigen Leute sogar schon gefunden.

04. Inhaltlich wird ein Märchen im SAMSAS TRAUM-Gewand erzählt. Worum geht es? Wer oder was ist dabei a.Ura? Eine Aura dürfte jedem ein ungefährer Begriff sein, doch warum der Name für die Hauptfigur?

Es dürfte allmählich bekannt sein, dass ich hauptsächlich Platten veröffentliche, auf denen ich die Ereignisse meiner jüngsten Vergangenheit in metaphorische Bilderwelten kleide und sie dadurch verarbeite. „a.Ura" ist der Name eines Mädchens, der Albumtitel ist ein Wortspiel aus dem Namen meiner Lebensgefährtin und ihrer Bezeichnung für unseren Lebensraum. Die privaten Ereignisse, die mich zu „Tineoidea" bewegt haben, hinterließen tiefe Spuren und Narben in meiner Seele. Diese Narben waren für meine Leben aber weitaus weniger beeinträchtigend als die Knoten, die durch diese Ereignisse in meinem Kopf entstanden waren und sich über lange Zeit, für mich gänzlich unbemerkbar, nicht aufgelöst hatten. Als dann „a.Ura" in mein Leben trat, traten mit ihr auch die Spätfolgen in vollem Umfang zu Tage, und ich habe sehr unter ihnen gelitten. Einfach ausgedrückt geht es auf „a.Ura" darum, dass ein Junge wegen eines Mädchens in ein anderes Land zieht und dort mit ihr versucht, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, was sich alles andere als einfach erweist. Die Anfänge meiner Beziehung zu „a.Ura" waren die härteste Aufgabe meines bisherigen Lebens, und ich bin sehr stolz auf uns, dass wir sie gemeistert haben.

05. Wien spielt auf dem neuen Album definitiv eine große, motivgebende Rolle. Wo ich gerade parallel die Untoten interviewe - würdest du "a.Ura" irgendwelche Ähnlichkeiten in der Intention unterstellen wie der "Grabsteinland"-Trilogie? Zwei Fantasie-Konzepte, fußend auf der Verwurzelung in einer Großstadt...

Leider muss ich Dich enttäuschen, Wien spielt auf meiner neuen Platte nur eine sehr kleine Rolle. Die einzige Wien betreffende Episode bezieht sich auf den Prater, der mich von Anfang an sehr fasziniert und interessiert hat. Bei meinem ersten Spaziergang über diesen Rummelplatz wurden mir eine Vielzahl von Ideen eingehaucht, die dann in „a.Ura..." eingeflossen sind. Dabei war es weniger der Pater in der heutigen, als in seiner Ursprungszeit, der mich inspirierte. Ich habe mich mit seiner Geschichte auseinander gesetzt und empfand diese Nachforschungen als sehr spannend.

Für die Atmosphäre von „a.Ura..." ist im wesentlichem mein neuer Lebensraum verantwortlich, der mich von Anfang an stark belastete. Ich lebe in einem alten, verfallenen Vierkanthof, und gewisse Räume dieses Gebäudes sind von negativer Energie durchtränkt. Die Umgebung erinnert mich immer wieder an eine Wüste, eine Einöde, obwohl sie mit bloßem Auge betrachtet doch sehr fruchtbar erscheint. Ich denken, dass dieser Ort hier stark vorbelastet ist; an ihm wurde entweder eine Menge Blut vergossen oder großes Unrecht getan. Würdest Du mir eine Landgabe der Umgebung vorlegen, könnte ich Dir wohl die exakten Verläufe der Energien einzeichnen, gegen die ich kämpfen musst und manchmal noch immer muss. Vieles hat versucht, in mich einzudringen und von mir Besitz zu ergreifen, und ich habe meine Musik dazu benutzt, diese Angriffe abzuwehren. In der Endphase der Produktion bemerke ich gerade wieder eindrucksvoll, dass man mich so leicht nicht gehen lassen will. Es wird noch eine große Anstrengung erfolgen müssen, bis man uns endlich in Ruhe lässt.

06. Allgemeiner gefasst, glaubst du an die Magie bestimmter Städte oder Stätten? Spürt man in Wien Geschichte, spürt man Mozart, spürt man Falco oder schlimmeres?

Es ist schön, dass Deine Frage so geendet hat, denn in Wien spürt man tatsächlich schlimmeres. Man bemerkt zwar die große Geschichte dieser Statt, und gewissen Gebäude strahlen eine enorme Erhabenheit aus, grundsätzlich gibt es aber in Wien eine gesteigerte Anzahl an Orten, deren Besuch ich einfühlsamen Gemütern keinstenfalls empfehlen würde und an denen ich mich grundlos schlecht fühle oder plötzlich depressiv werde. Mozart hat sich für mich lediglich durch verkleidete Touristenführer bemerkbar gemacht, von Falco ist neben dem Kult um seine Person nur Kokain übrig geblieben. In Wien brodelt etwas unter der Oberfläche, was ich nicht einmal in menschenfeindlicheren Städten wie Berlin oder Bochum eingesogen habe. Ich würde die Gegend um Klosterneuburg herum bei einem Besuch vorziehen, dort hat man wenigstens nicht das Gefühl, dass sich jeden Augenblick der Erdboden auftun und einen verschlingen könnte.

07. "Geheimnisvolle Kinderkatzen retten jungem Mann das Leben!" war die Überschrift einer Anzeige für die "Endstation.Eden"-Kompilation. Symbolisieren diese Tiere jemanden oder etwas, das dir deiner Meinung nach dein Leben gerettet hat? Was hältst du von Liebesbekundungen wie "Du hast mir das Leben gerettet" oder "Du bist mein Leben"? Kann so etwas wahr sein?

Die Kinderkatzen aus der Anzeige repräsentieren unsere Katzen Champ, Janis, Vivian und Charlie; auf dem „Endstation.Eden"-Cover sind konkret erstere beiden dargestellt. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass sie mir sinnbildlich mein Leben gerettet haben. Sie haben sich zwar nicht für mich in die Schussbahn geworfen oder mir ihre rettenden Pfoten gereicht, als ich an einer Klippe hing; ihre bloße Anwesenheit und die Gespräche mit ihnen haben dazu geführt, dass sich viele Stürme in meinem Kopf gelegt haben. Gerade Champ, dem das Lied „Ein Kater kennt den Weg" gewidmet ist, hat mir sehr dabei geholfen, schwierige Zeiten durchzustehen und richtige Entscheidungen zu treffen. Unsere Katzen haben etwas sehr Menschliches an sich, und mich verbindet eine Form von Liebe mit ihnen, die bloße Freundschaft übersteigt. Ich habe ihnen sehr viel zu verdanken, und ich möchte in diese Worte alle Kraft legen, die ich aufbringen kann.

Andere Lebewesen können Dein Leben verändern oder einen Großteil Deines Lebens ausmachen, ich möchte von daher nicht über die von Dir genannten Liebesbekundungen urteilen. Wichtig ist, was ein Mensch in sich empfindet; und wenn er es ohne Hintergedanken, vor allem ohne sich selbst zu belügen fühlt, dann darf alles gesagt und bekundet werden. In mir hat sich innerhalb des letzten Jahres eine große Form von Dankbarkeit entwickelt, die ich nicht mehr vermissen möchte. Ich war früher sehr auf mich fixiert, mittlerweile spüre ich jedoch in stillen Momenten, wieviel von anderen Menschen und Lebewesen eigentlich für mich getan wird. Die bloße Erinnerung daran, wie mein Leben früher verlaufen ist, gehört zu den wenigen Dingen, die mir heute noch Angst machen.

08. Ein Junge, der in einem Brunnen lebt, kann sich allen Anscheins nach nicht wohlfühlen, es dürfte dauerhaft zu dunkel und zu nass sein. Hält er sich dort freiwillig auf oder hat er keine Wahl? Wie benimmt er sich, wenn er hinaufkommt?

Mit dem Jungen im Brunnen meine ich mich selbst und die Lebensweise, die ich mir früher für mich ausgesucht habe. Ich habe mich von meiner Umwelt isoliert und ein Einsiedlerdasein geführt; ich meine damit nicht das Ausbleiben sozialer Kontakte, sondern eine Form von selbstantrainiertem Autismus, der mich nicht bemerken ließ, was um mich herum geschah. Ich habe mich früher sehr oft bemitleidet und mich in meinem eigenen Kummer gesuhlt, ohne aktiv zu versuchen, etwas an meinem Zustand zu verändern. Es musste erst ein anderer Mensch kommen, der mich dazu motiviert hat, meiner Traurigkeit nicht nur durch Musik Ausdruck zu verleihen. Ich habe noch immer das Problem, dass ich nicht wirklich trauern kann. Ich stecke meine ganze Traurigkeit in einen Topf und versuch, den Deckel so fest wie möglich auf ihn zu pressen. In den Momenten, in denen ich weinen kann, bin ich fast schon zu glücklich über die Tatsache, dass die Dämme endlich brechen, als dass ich es noch zulassen könnte. Es ist sehr anstrengend, dem Vater in Dir entgegenzuwirken.

Nachdem sich der Junge aus dem Brunnen geschwemmt hat/hat schwemmen lassen, beginnt erst die eigentliche Geschichte. Er sieht eine Welt, die er vorher nicht kannte und muss sich in ihr zurecht finden. Ich habe im letzten Jahr, auch unterstützt durch meinen Umzug nach Österreich, vieles als sehr befremdlich gefunden. Ein Großteil der Bilderwelt auf „a.Ura..." resultierte aus diesen neuen Eindrücken und Erfahrungen.

09. Ist der "Sisyphos", den du in deiner Geschichte verarbeitest, exakt der aus der Mythologie bekannte oder hast du lediglich den Namen aufgegriffen?

Ich habe den Namen lediglich aufgegriffen, da ich Parallelen zu meiner eigenen Geschichte sah. Ich sah mich mit Problemen und Konflikten konfrontiert, die es zu lösen galt. Meine inneren Anstrengungen waren jedoch lange Zeit nicht von Erfolg gekrönt; jedes Mal, wenn ich mich mit dem Felsbrocken auf den Gipfel des Berges gearbeitet hatte, rolle er wieder herunter und ich musste von vorne anfangen. Jeder Mensch kennt dieses Gefühl; man versucht, sich bestimmte Dinge und Verhaltensmuster abzugewöhnen, doch ehe man sich versieht hat man schon wieder so gehandelt, wie man eigentlich nicht mehr handeln wollte. Diese Erlebnisse gingen bei mir mit großer Frustration und Enttäuschung einher. Ich habe festgestellt, dass viel Knochenarbeit an meinem Charakter notwendig sein würde, um endlich besser und zufriedener leben zu können.

10. Ein Käfer soll im Verlauf der Story die einzige, universelle Wahrheit aufzeigen, die der Mann, dem sie gezeigt wird, jedoch nicht weiterzugeben imstande ist. Aus eigener Unfähigkeit heraus oder wegen des Unverständnisses der Menschen? Oder ist die für universell gehaltene Wahrheit am Ende keine solche und der Protagonist erkennt dies? Stecken darin Parallelen zu Alexander Kaschte früher und heute? Der Anspruch deiner Aussagen auf Absolutheit war früher eindeutig größer, sofern ich das beurteilen kann.

Der Käfer versucht dem Protagonisten zu erklären, dass der wahre Feind nicht außerhalb von ihm, sondern in ihm selbst steckt. Der Protagonist hat sich von Anfang der Geschichte an ein Feindbild gesucht, auf dass er seinen blinden und eigentlich unbgründeten Hass richtet und welches er zu zerstören versucht. In der Kristallkugel, die dem Protagonisten vom Käfer gezeigt wird, sollte er eigentlich überdeutlich seinen eigenen Name lesen können, was er aber nicht tut, da er ihn gar nicht erkennen will. Statt dessen wird sein Hass noch potenziert und gipfelt in dem Stück „Ein Name im Kristall" darin, dass er sich auf den Weg macht, seinem Todfeind nach dem Leben zu trachten. Der Käfer repräsentiert die Weisheit und die Ruhe des Alters; er ist der gelassenen Mensch, der ich einmal werden möchte.

Es ist erstaunlich, wie viele Probleme sich ein menschliches Gehirn selbst bereiten kann. Ob nun vergangene Liebschaften, krankhafte Eifersucht, verhaltensgestörte Ex-Freundinnen oder Väter, die ihre Familien im Stich lassen; das Motiv der Rache hat in meiner Musik und in meinem Leben einen großen Platz eingenommen. Anfang letzten Jahres war ich kurz davor, an meinem eigenen Hass zu ersticken. Ich bin froh darüber, dass es so weit gekommen ist, denn ich musste dadurch erkennen, dass ich so einfach nicht weitermachen darf und kann.

Ich erhebe heute keinerlei Absolutheitsanspruch mehr auf meine Aussagen, mein Denken, mein Handeln und meine Gefühle, und mit den Jahren habe ich große Probleme damit bekommen, meine alten Interviews zu lesen oder von getätigten Aussagen und dem Image, das mir anhaftet, verfolgt zu werden. Wenn ich in alten Magazinen blättere, springt mir ein komplexgesteuerter, junger Mensch entgegen, der sich ganz tief in einer Adoleszenz-Krise verkriecht, alle Schuld auf Andere schiebt, sich für nichts verantwortlich hält und sein Gefühl der Minderwertigkeit durch extreme Aussagen und lautes Herumschreien zu kompensieren versucht. Meine Interviews und die Bandgeschichte von SAMSAS TRAUM wären für jeden Psychologen ein wahres Freudenfest. Der M‘Era Luna Auftritt in diesem Jahr war von daher ein sehr großer und wichtiger Schritt in meiner persönlichen Entwicklung; ich habe vor 5.000 Leuten gestanden, die mit mir gelacht und gefeiert, und nicht getrauert haben. Kritische Selbstreflektion wird immer mein wesentlicher Antrieb sein, Musik zu machen. Wenn man aber vor so vielen Menschen steht, möchte man ihnen nicht Hass, sondern vielmehr Energie und Kraft mit auf den Weg geben. Ich glaube, ich bin mir mit der Zeit auch ganz einfach meiner Verantwortung den Fans gegenüber bewusst geworden. Sie sollen ihre Probleme lösen und nicht von mir bestätigt bekommen.

11. Zu Zebras habe ich automatisch ein Bild im Kopf, das mir seit zig Jahren aus einer Fernsehdokumentation geblieben ist, nämlich das von einer Horde Zebras, die regelmäßig einen Fluß überqueren müssen und dabei jedes mal ein oder mehrere Tiere an die Krokodile verlieren. Die Tiere taten mir damals wahnsinnig leid und waren mir sympathisch, weil Zebras für sich doch schon beinahe Fantasiegeschöpfe sein müssten mit ihrem Muster. Hast du das Zebra aus speziellen Beweggründen gewählt?

Ich habe das Zebra gewählt, da es sich auf Grund seines Musters sehr gut dazu eignet, einen Menschen zu repräsentieren, der in einer Welt lebt, in der es nur gut oder böse, richtig und falsch, schwarz oder weißt gibt; ein Mensch, der ausschließlich Extreme lebt und nicht in der Lage dazu ist, seine eigene Mitte und sein Gleichgewicht zu finden, jemand, der seine Dualität durch sein äußeres Erscheinungsbild bzw. seine Musik öffentlich zur Schau stellt.

Ich habe tatsächlich geglaubt, dass mir ein solches Denkmodell ein einfaches Leben ermöglichen würde. Im Endeffekt hat es mir nichts als Probleme bereitet. Sinnbildlich gesprochen schneidest Du Dir in den Finger, deshalb muss Dir dann Dein ganzer Körper weh tun. Du wartest darauf, dass Dir der Postbote endlich ein Paket bringt, doch es kommt nichts; Dein ganzer Tag ist ruiniert. Es passieren die ganze Zeit Dinge, die Du nicht einordnen und verarbeiten kannst, da Dir nur zwei Verhaltensmuster, schwarz oder weiß, zur Verfügung stehen. Gibt man diese Sicht der Dinge auf, beginnen sich die Reihen zu lichten. Der Schritt erfordert ein wenig Mut und Überwindung, doch er zahlt sich aus. Ich habe erkannt, dass es keine Bewertungsschablone für Ereignisse oder Gefühle gibt; das, was sich ereignet, passiert und existiert ausschließlich in der Form, in der es sich ereignet und ist als das zu behandeln, was es ist, und nicht als das, was ich von ihm verlange zu sein.

Von all diesen komplizierten Erklärungen einmal abgesehen habe ich das Zebra in Verbindung mit dem Stück „Dort oben sterben Tiere" auch gewählt, um meine Meinung zum Thema Fremdenhass kund zu tun und die politisch links orientierte Gesinnung meiner Band zu unterstreichen. Das Zebra wird als einsamer Exot von domestizierten, „europäischen" Tieren grundlos nach einer öffentlichen, lächerlichen Debatte hingerichtet. Ich empfinde die politische Situation in Deutschland nach wie vor sehr beunruhigend, in Österreich haben die betreffenden Instanzen im Vergleich zu meinem Heimatstaat ein gefestigtes, öffentiches Podium, das sie zum Verbreiten ihrer Ansichten benutzen können, da in Österreich die freie Meinungsäußerung größer geschrieben wird als in Deutschland und des keine Zensur gibt; was man sowohl negativ als auch positiv bewerten kann, da sich österreichische Faschisten durch ihre Aussagen in den Medien größtenteils selbst fragmentieren. Mich hat sehr schockiert, wie hier in den Grenzregionen zur Slowakei oder Tschechien über die Nachbarländer gesprochen wird. Wie Daniel so schön gesagt hat: „In Deutschland hätte man auf Leute wie Haider schon längst geschossen oder sie abgestochen."

12. Zähne hat man im Normalfall im Mund und nicht in der Hand. Der mittlerweile völlig verstrahlte Schreiber dieser Zeilen vermutet weder eine Verarbeitung deiner Angst vor dem Älterwerden noch einen "Immer mitten in die Fresse rein"-Ansatz, da mir aber auch nichts anderes einfällt: Hast du Angst vor dem Älterwerden oder hast du überhaupt das Gefühl, älter zu werden?

Ich habe sicherlich ein Problem damit, dass ich Teile meiner Kindheit viel zu ernst verbracht habe, und ich trauere den Jahren auch ein wenig hinterher; das Älterwerden jedoch empfinde ich als schön. Von einigen nebensächlichen, körperlichen Diskrepanzen abgesehen macht es mich glücklich, mir dabei zuzusehen, wie ich ruhiger und reifer werde und immer mehr zu mir selbst finde. Außerdem bemerke ich, dass sich die wesentlichen Dinge, die mir wichtig sind, in meinem Kopf nicht verändert haben, und ich weiß, dass sie sich auch weiterhin nicht verändern werden; ein Kindskopf bleibt ein seinem Herzen immer ein Kindskopf. Mittlerweile lerne ich, in vielen Erwachsenen um mich herum die Kinder zu sehen, die sie einmal waren. Das finde ich sehr lustig...

Das Stück „Die Zähne in der Hand" stellt den Höhepunkt der Platte dar. Der Protagonist kehrt von seiner Reise zurück und findet am frühen Morgen sein „Ego" neben der Liebe seines Lebens liegend vor. Es entbrennt ein blutiger Kampf, der auf a.Uras Kosten ausgetragen wird und dessen Ziel es ist, dem Gegner die Zähne auszuschlagen, um mit ihnen in der geballten Faust noch fester zuschlagen zu können. Ich wollte mich am Ende der Geschichte mit mir selbst konfrontieren und den Kampf, den ich in mir innerhalb des letzten Jahres ausgetragen habe, noch einmal Revue passieren lassen. Da dieser Kampf mit äußerst harten Bandagen gekämpft wurde, habe ich die Metapher der „Zähne in der Hand" gewählt.

13. Der Strick im letzten Lied lässt kaum auf ein Happy End hoffen. Ist das Kapitel "a.Ura" damit abgeschlossen oder ist eine Wiederbelebung á la Samuel im Bereich des Möglichen? Hast du im Ansatz eine Ahnung, wohin es im Anschluss mit Samsas Traum gehen wird?

Der Strick am Ende lässt auf ein Happy End hoffen, denn man hat die Wahl, ob man sich mit ihm erhängt oder sich aneinander bindet. Wir haben uns für letzteres entschieden. Das Kapitel „a.Ura" ist damit abgeschlossen, alles weitere ist geheimer Bestandteil meines Privatlebens. :) Eine Wiederbelebung Samuels ist mehr als nur ausgeschlossen; diese Episode ist Teil meiner Vergangenheit, die ich zur Ruhe gebettet habe. Es gibt dazu nichts mehr zu sagen außer, dass ich meine Geschichte akzeptiert habe und froh darüber bin, dass sie mich geprägt hat.

Wir werden Anfang nächsten Jahres mit den Arbeiten an einem eher songorientierten Album beginnen, das alle wesentlichen Charaktermerkmale meiner Band bündelt und auf einen Nenner bringt. Der Produktionsprozess dieses Albums ist von enormer Wichtigkeit, da wir beabsichtigen, ein größeres Publikum anzusprechen und erfolgreicher zu werden. Es wird sich um die erste, professionelle Produktion handeln. Ein Großteil der Songs und der Texte existiert bereits. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich beabsichtige, szeneübergreifende Musik zu machen und viele Platten zu verkaufen. Man hat als Fan also jetzt noch die Möglichkeit, abzuspringen und das Boot zu verlassen; ich würde mich selbstverständlich mehr darüber freuen, wenn man mich weiter auf meinem Weg begleitet, meine Entscheidungen respektiert, als Teil meiner Entwicklung ansieht und sie interessiert verfolgt. Eines ist und bleibt sicher: wir haben uns von Album zu Album entwickelt, und wir werden nie damit aufhören.