SAMSAS TRAUM Orkus-Interview zu "a.Ura und das Schnecken.Haus"

1. Wie hast Du Dich denn in Deiner neuen Wahlheimat eingelebt? Und: was ist für Dich da, wo Du jeweils lebst, eigentlich wichtig?

Ich habe mich mittlerweile gut eingelebt; mittlerweile, weil doch einige erhebliche Unterschiede zwischen der deutschen und der österreichischen Lebenskultur bestehen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass die meisten Österreicher freundlicher, offenherzlicher und unverkrampfter sind als die Deutschen. Das Bild des steifen und korrekten Deutschen, das durch Österreich geistert, konnte ich anfangs nicht nachvollziehen; jetzt kann ich es. Die Mentalität meiner Wahlheimat hat viele meiner inneren Konflikte entschärft; ohne abwertend klingen zu wollen sind die Menschen und das Leben hier weitaus simpler als in Deutschland, was ich als sehr positiv empfinde.

Wenn man die Sache ganz nüchtern betrachtet, gibt es nur wenige Dinge, die mir an meinem Lebensraum wichtig sind: eine Steckdose und ein trockener Platz für meine Instrumente und Computer, ein funktionierender Internetanschluss, eine schöne Umgebung für Spaziergänge, ein Kippenautomat, ein Lebensmittelladen und eine Bezugsquelle für Bücher, Cds und DVDs. Den Rest meines Lebens füllen meine Lebensgefährtin und unsere vier Katzen aus; sie tragen sehr dazu bei, dass mein Leben einfacher und besser verläuft als vorher. Ich habe es auf das Wesentliche reduziert und musste zwangsläufig meine Geringschätzung eines „Alltags" ablegen, wodurch ich einen besseren Überblick über mich und meine Umwelt gewann. Ich bin allerdings nach wie vor von der Idee beseelt, meine „Lebensreise" fortzusetzen; der Wunsch danach, andere Länder und andere Sitten kennenzulernen nimmt einen hohen Stellenwert in meinen Zukunftsplänen ein.

2. Findest Du, dass „Endstation Eden" genügend Aufmerksamkeit bekam oder ist die Veröffentlichung, und damit vor allem die neuen Stücke, durch den besonderen Charakter der Zusammenstellung ein wenig untergegangen?

„Endstation.Eden" hat fast so viele Einheiten wie ein reguläres SAMSAS TRAUM-Album verkauft, von daher kann ich mich nicht beklagen. Im Nachhinein betrachtet empfinde ich jedoch nur die limitierte Erstauflage, die zwei Cds beinhaltete, als wirklich wertvoll... die Standard-Edition erachte ich als überflüssig. Trotzdem bereue ich die Veröffentlichung nicht, da sie uns dabei geholfen hat, über die Insolvenz unseres alten Vertriebes hinwegzukommen. Ich denke, dass das Maß der Beachtung der Veröffentlichung gerecht wurde; wobei ich gestehen muss, dass ich die Printmedien-Landschaft weniger im Auge behalte als früher. Das Package, das wir über unseren Mailorder-Versand verkauft haben, ist bei unseren Fans sehr gut angekommen, und ihre Reaktionen haben mir als Feedback ausgereicht.

3. Ist das neue Album schon fix und fertig und sozusagen in der Pressung oder feilst Du noch daran? Wann soll es denn erhältlich sein?

Die Arbeiten am neuen Album sind im Augenblick alles andere als abgeschlossen, es ist eher so, dass ich vor lauter Stress „fix und fertig" bin. Ich befinde mich gerade in der heißen Phase; es sind so gut wie alle Lieder eingesungen, es fehlen nur noch der Track „Der Spiegel sieht mich nicht", die Refrains zu „Blut ist in der Waschmuschel" und das Ende von „A.usgesperrt". Ich habe bereits 10 der 23 Stücke veröffentlichungsreif gemixt, bis Ende der Woche werden die restlichen, meinem Studio zugedachten 5 Tracks folgen. Die verbleibenden 8 Songs werden von Bernd Mazagg im Overall-Studio in Wien produziert, um ihnen den Klang zu verpassen, den sie verdient haben. Während wir in Österreich an der Musik schrauben, zeichnet sich unser Gestalter Ingo Römling in Deutschland die Seele aus dem Leib, um die aufwändige Verpackung der Erstauflage (Doppel-DIN A 5-Digipack mit 28 seitigem Booklet in einem edlen Schuber) rechtzeitig fertig zu stellen. Wir trinken alle zu viel Kaffee, rauchen zu viele Zigaretten und machen uns zu viele Sorgen... aber es war nie anders, was mir ein wenig Mut macht. Ich denke zwar immer: „Oh Gott, so schlimm und anstrengend wie diesmal war es noch nie!", im Endeffekt macht man sich da aber selbst etwas vor. Der Veröffentlichungstermin soll der 29.11 sein, die Masterbänder werden also quasi ofenfrisch im Presswerk eintreffen.

4. Was erwartet uns musikalisch und thematisch im Schneckenhaus?

Um den Inhalt meines neuen Albums zu erläutern, würde ich eine ganze Orkus-Ausgabe benötigen, von daher versuche ich, mich kurz zu fassen... wie immer habe ich die Ereignisse des letzten Jahres in Musik und Texte gekleidet. Die Texte sind strukturierter, einfach und nachvollziehbarer geworden, es handelt sich um kleine Geschichten, die für sich alleine stehen könnten, jedoch als Teil einer tragenden Handlung anzusehen sind. Ich habe versucht, den Anteil der „Märchenhaftigkeit" stark zu erweitern, dafür jedoch die Metaphern zu entmystifizieren, was mir meiner Meinung nach auch geglückt ist und zum Textverständnis beiträgt. Musikalisch bestehen 2/3 der Platte aus teils bombastischer, teils verspielter Neoklassik; wie Daniel festgestellt hat, ist der Walzer-Anteil auf „a.Ura..." erschreckend hoch, was er auf einen unterbewussten Einfluss Österreichs zurückgeführt hat. Das restliche Drittel des Doppelalbums besteht aus brachialen, eher eingängigen Stücken, bei denen ich großen Wert auf ihre Struktur und ihre Nachvollziehbarkeit gelegt habe, ohne die Markenzeichen meiner Band zu verleugnen. Ich habe mit dem neuen Album die Gradwanderung zwischen Kunstmusik und Popmusik gewagt und hoffe, dass ich das richtige Gleichgewicht gefunden habe.

5. Erwartet uns wiederum die Umsetzung eines Konzeptes?

Natürlich, und ich habe mir diesmal sogar ganze 110 Minuten Zeit genommen, das Konzept auszubreiten. Die eigentliche Geschichte ist denkbar einfach: ein Junge zieht wegen eines Mädchens in ein anderes Land; dort angekommen, versuchen die beiden, 26 Jahre Lebensgeschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sortieren und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, was sich trotz aller Liebe alles andere als einfach gestaltet. Den einzelnen Aspekten dieser Entwicklung sind Lieder zugeordnet, die wie Stationen auf einer Reise vertont wurden. „a.Ura" ist ein einziger, musikalischer Selbstfindungstrip einer Liebesbeziehung; der Entstehungsprozess der Musik hat mich durch schwierige Zeiten begleitet, das Schreiben der Texte verhalf mir zu Abstand zu unserer Geschichte und einer objektiveren Sichtweise der Dinge.

Was das Konzept des Artworks betrifft, haben wir uns dieses mal selbst übertroffen. Ingo hat von mir genaue Vorgaben zu den Illustrationen bekommen und somit insgesamt 8 Stücke aus meinem Kopf heraus in die stoffliche, reale Welt geholt. Er hat mir zum ersten Mal in der Bandgeschichte von SAMSAS TRAUM zu einem Artwork verholfen, das meinen Vorstellungen exakt entspricht und meinen Zuhörern somit einen umfassenden Einblick in meine Träume und Bilderwelt ermöglicht. Man kann diesmal also genau das betrachten, was ich sehe, wenn ich Musik schreibe.

6. Fasziniert Dich die Idee und die Umsetzung von Konzeptalben eigentlich oder entstand / entsteht so etwas bei Dir eher zufällig?

Die Frage nach den Konzepten stellt sich bei mir gar nicht mehr; das Konzept ist zu erzählen, was mir in der jüngsten Vergangenheit passiert ist. Die Problematik ist vielmehr, wie ich es erzähle und zu welchen Stilmitteln ich greife; bei der Wahl der Waffen versuche ich, Zufälle tunlichst zu vermeiden. Alben sind für viele Künstler ein repräsentatives Abbild der Zeit, in der sie entstanden sind, und es geht darum, dieses Bild originalgetreu wiederzugeben bzw. abzuzeichnen. Wenn meine vorherigen Alben Bleistiftskizzen, Aquarelle oder bestenfalls Ölgemälde waren, befinde ich mich mit „a.Ura" bereits auf dem Weg zur Fotographie. Das Bild ist zwar noch immer etwas unscharf, aber... kein Mensch ist perfekt.

7. Ist Alexander Kaschte mit „a.Ura ..." einen Schritt weiter- oder eher wieder ein Stück zurückgegangen?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass sich „a.Ura..." abseits einer linearen Zeitachse bewegt. Der klassische Teil des Albums klingt wie die Musik, die ich früher gerne hätte machen wollen aber nicht machen konnte, weil mir die Mittel dazu gefehlt haben, und der strukturierte Teil der Platte klingt wie die Musik, die ich morgen vielleicht machen möchte. Alles in allem habe ich mich aber sehr weit entwickelt, ich empfinde das neue Album als einen ähnlichen Quantensprung wie von „Die Liebe Gottes" zu „Oh Luna Mein"; was daran liegt, dass ich gelernt habe, meine Kräfte zu bündeln und intensiver auf musikalische Ziele und die Verwirklichung von Visionen hinzuarbeiten.

8. Deine Begründungen für Deine Albumtitel haben ja meist eine zwingende, klare Logik. Wie bist Du dieses Mal zum Namen des „Kindes" gekommen und welchen konkreten Hinweis gibt er auf den Inhalt des Ganzen?

Obwohl der aktuelle Albumtitel von allen bisherigen Titeln wahrscheinlich die meisten Fragen aufwerfen wird, handelt es sich bei ihm um nichts anderes als um ein Wortspiel, das aus dem Namen meiner Lebensgefährtin und ihrer Bezeichnung für unseren Lebensraum zusammengesetzt wurde. Die Kinderschuhe unserer Beziehung und mein Verhältnis zu dem Haus, aus dem heraus ich gerade dieses Interview beantworte, waren die wesentlichen Inspirationsquellen zum neuen Album.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass die Magie, die meiner Musik und meinen Texten nachgesagt wird, aus nichts anderem als aus mit meinem Farbkasten angepinselten Malbüchern besteht, die mir das Leben vor die Füße wirft und dass ich meine Musik als Aufforderung an meine Hörer betrachte, wieder zu den Stiften zu greifen. Das Leben selbst ist der beste Lieferant für Ideen.

9. Du hattest mir geschrieben, dass Du noch nie mit so vielen guten Leuten zusammengearbeitet hast. Wer hat Dir denn wie geholfen? Hattest Du das mehr für das Drumherum (Ingo, Fotograf, ...) gemeint, oder auch, was die Musik betrifft?

Im Endeffekt habe ich wirklich alle Leute gemeint, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mich voll und ganz auf sie und ihre Kompetenz verlassen kann. Dies war besonders wichtig, da ich mir diesmal mit „a.Ura" ein Arbeitspensum auferlegt habe, das es mir des öfteren stressbedingt unmöglich gemacht hat, Entscheidungen zu treffen oder Urteile zu fällen, da man in gewissen Situationen einfach nicht mehr über den Tellerrand hinausblicken kann und die Distanz zur eigenen Kunst verliert. Ich habe einen Großteil meines Einzelgängeranspruches aufgegeben und erkannt, dass dieser Schritt dem Endprodukt mehr als nur zuträglich war. Egal, ob nun Martin Hoferts Engagement bei den Klarinettenaufnahmen, Bernds unglaubliche Ruhe bei den Studioaufnahmen in Wien, Ingos enormes künstlerisches Talent oder die Bereitschaft des Fotographen Angst.Im.Wald, mitsamt seines gesamten Studios nach Österreich zu fahren; sie alle sind sehr verantwortungsvoll mit ihren Aufgaben umgegangen und haben mir die Arbeit in den letzten Wochen enorm erleichtert.

10. Wie wichtig sind Dir diese Dinge um die reine CD und damit die Musik herum – optische Aufmachung, Pressedarstellung, Merchandising, ...? Hat sich Deine Einstellung dazu im Laufe Deiner künstlerischen Karriere geändert oder „nur" die Möglichkeiten?

Das optische Erscheinungsbild meiner Musik war mir schon immer sehr wichtig; leider haben mir früher jedoch vornehmlich die finanziellen Mittel zur gewünschten Umsetzung gefehlt. Mir sind alle Faktoren einer Produktion und des Endproduktes sehr wichtig, da ich SAMSAS TRAUM als ein Gesamtkunstwerk betrachte, das alle Sinne ansprechen soll. Ich möchte Geschichten erzählen und bei meinen Zuhörern die Faszination erzeugen, die ich als Kind empfunden habe, wenn mich eine bestimmte Geschichte in ihren Bann gezogen hat. Da wir in einem multimedialen Zeitalter leben, versuche ich, alle mir zur Verfügung stehenden Mittel auszunutzen. Ich bin deshalb auch sehr stolz darauf, dass sich auf der Erstauflage von „a.Ura..." ein VideoClip unseres diesjährigen Auftritts auf dem Mera Luna-Festival befindet.

11. Wie kann man sich Dein Weiterarbeiten nach einem solch komplexen und auch abgerundeten Konzept wie „Tineoidea" / „Arachnoidea" vorstellen: brauchtest Du zu diesem Werk erst einmal Abstand oder hast Du ansatzlos künstlerisch weitergearbeitet / gleich die nächsten, jetzt veröffentlichten Ideen gehabt?

Wie Du weißt, war mein Privatleben bereits während den Endmixen von „Tineoidea" sehr ereignisreich. Nachdem mir dann von Seiten der Plattenfirma durch „Arachnoidea" sämtliche künstlerische Kanäle verstopft wurden, ich zwei Wochen auf Tour war und auch noch einen Umzug von Deutschland nach Österreich vorbereiten musste, hatte sich der Drang nach dem Komponieren neuer Stücke in mir immens gesteigert. Ich konnte es außerdem kaum erwarten, mich endlich von meiner Vergangenheit und „Tineoidea" zu distanzieren. Ich war in dieser Phase ziemlich unausgeglichen, da ich weder die Ruhe noch die Zeit dazu fang, mich ans neue Album zu setzen. Als es dann endlich so weit war, war es die normalste Sache der Welt; die Stücke flossen ohne große Komplikationen unverkrampft aus mir heraus, ich erinnere mich gerne daran. Ich bin jeden Morgen aufgestanden und habe mir gesagt: „Heute schreibe ich einen Song.", und am Ende des Tages schallte er genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aus meinen Boxen. Ich befürchte allerdings auch, dass es an dem Zimmer lag, in dem ich sass und das von negativen Energien durchtränkt war; ich sah es als meine Pflicht an, die Verhältnisse mittels meiner Musik wieder zurecht zu rücken. Anscheinend hatte ich eine gute Degenführung.

12. Du bist zur Zeit gut mit Remixen vertreten? Gibt es jetzt mehr Angebote oder vielleicht auch passende Stücke dazu als früher?

Um ehrlich zu sein, begleiche ich nur meine alten Schulden. Mit dem Terminal Choice- und dem Mantus-Remix habe ich mich für die Beteiligung der betreffenden Künstler auf „Tineoidea" revanchiert, und Wolfenmond haben sich als unsterbliche SAMSAS TRAUM-Fans einen Remix gewünscht. Sicherlich macht mir das Remixen Spaß, ich betrachte es jedoch mehr als Ablenkung von meiner eigenen Musik denn als künstlerische Selbstverwirklichung. Was ich am Remixen mag, ist die Experimentierfreudigkeit, die bei mir damit einhergeht; ich setze mir bei einem Remix nie einkonkretes Ziel, sondern fange einfach an und lasse mich davon überraschen, was im Verlauf der Arbeit passiert. Ich selbst mag auch nur Remixe, die an das Original so gut wie gar nicht oder bestenfalls überhaupt nicht erinnern. Ich werde innerhalb der nächsten Zeit in diesem Sektor allerdings ein wenig kürzer treten müssen, da ich mit meiner eigenen Band alle Hände voll zu tun habe und für Februar 2005 bereits die nächste Veröffentlichung anvisiert wurde.

13. Ich habe vor kurzem – ich glaube, auf Deiner Homepage – ein kurzes Statement zur „Kommerzdiskussion" gegenüber L´ame Immortelle gelesen (die es übrigens schon gibt, seit die Band ihre ersten großen Cluberfolge hat). Kannst Du bitte, vielleicht auch allgemein und nicht nur auf die besagte Band bezogen, Deine Meinung zu Szenebands vs. (kommerzieller) Erfolg kundtun?

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht näher zu dem Thema äußern, da ich die ganze Debatte als absurd und widersinnig betrachte. Außerdem bin ich diesbezüglich kein kompetenter Gesprächspartner, da ich mit den betreffenden Szenedoktrinen nichts anfangen kann, ich sie konsequent und absichtlich verletzte und mir mein Kunstverständnis das Denken in Kategorien oder Schubladen verbietet. Und genau darin liebt des Pudels Kern; es geht nicht um kommerziellen Erfolg oder einen Underground-Status, um Szenezugehörigkeit oder das Überschreiten von Grenzen; es geht einzig allein um gute oder schlechte Musik und um den persönlichen Geschmack eines jeden Menschen.

Eine Band, die gute Songs schreibt, hat sich allen Erfolg der Welt verdient. Was man immer außer Acht lässt, sind die Bedürfnisse, Hoffnungen und Träume der Künstler. Wenn mein Lebensziel es vorsieht, irgendwann einmal eine sinnbildliche goldene Schallplatte an meiner Studiowand hängen zu haben, werde ich meinen Traum wohl nicht auf Basis der Meinung einer egoistischen Horde Teenager in den Wind schreiben, die mich als ihr Eigentum betrachten. Ein echter Fan gönnt mir meinen Erfolg und begleitet mich durch dick und dünn, meine Entscheidungen überdenkend und respektierend... bis ich mit dem Musikmachen aufhöre. Respekt ist in diesem Kontext ein sehr wichtiges, in der Realität jedoch missachtetes Wort.

14. In Bezug auf die vorherige Antwort: Hast Du in Deinen künstlerischen Anfangstagen auch so gedacht?

Nein. In meinen Anfangstagen hat mich nichts von den oben beschriebenen Fans unterschieden. Vielleicht war ich sogar noch extremer in meinem Denken, da ich die Grenze zwischen „Wir" und „Sie" überdeutlich gezogen haben wollte. Von daher empfinde ich Verständnis und hoffe, dass besitzergreifende Fans eines Tages an den Punkt gelangen werden, an dem ich mittlerweile angekommen bin. Meinen Läuterungsprozess hat übrigens nicht das Bedürfnis nach Geld oder Macht, sondern die Kenntnis über branchenübliche Bedingungen und Konditionen in Verbindung mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung eingeläutet.

15. Die Optik von Herrn Kaschte ändert sich – wie hat sich Deine Sicht der Dinge in den letzten Jahren (vielleicht – aber nicht zwingend - bedingt durch die zunehmende Anerkennung Deiner Kunst, das zunehmende Alter (*grins*) und die damit zunehmende Menge an Erfahrungen, ...) verändert?

Was sich am meisten verändert hat ist, dass ich entspannter und ruhiger geworden bin. Ich lebe zwar immer noch in meiner eigenen, kleinen Welt, aber ich habe keine Angst mehr davor, dass mir eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Ich habe früher jedes Lebewesen, das außerhalb meines Universums existiert hat, als potentielle Gefahr und Bedrohung betrachtet. Es macht mich traurig, feststellen zu müssen, dass es anscheinend viele Menschen gibt, die so empfinden. Glücklicherweise hat Musik einen unveränderten Stellenwert in meinem Leben; mit dem Unterschied, dass ich früher nur Musik war und kein Leben hatte.

16. Was waren früher die vorwiegenden Emotionen, die Dich angetrieben haben und welche kannst Du jetzt nennen?

Ich machen nach wie vor noch wegen der selben Emotionen Musik, an ihnen hat sich nichts verändert; ich empfinde auch heute noch Zorn, Wut, Liebe und Hass, und in mir haust noch der selbe Größenwahn, das selbe Egoproblem und das selbe Mitteilungsbedürfnis wie früher. Ich habe in mein Gefühlsspektrum allerdings den Faktor Selbstmitleid durch Selbstironie ersetzt, was auf dem Lebensweg eines Menschen unerlässlich ist und in meinem Fall vor allem einen konsequenteren Umgangston mit mir selbst bedeutete.

17. Falls Du jetzt gerade jeweils oder teilweise andere Emotionen genannt hast, wie merkt man das im neuen Album, vielleicht auch im Vergleich zu früheren?

Auf früheren Alben habe ich mich immer brav und beharrlich Lösungen für meine Probleme ausarbeiten lassen, um sie schlussendlich zu ignorieren und nicht in die Tat umzusetzen. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich heute ein fehlerfreier Mensch geworden bin oder in gewissen Punkten meine Ignoranz abgelegt hätte, Gott bewahre... aber langsam fangen die Selbstreflektionen der letzten Jahre an, ihre Spuren zu hinterlassen und ihre Wirkungen zu zeigen. Wenigstens bemerke ich mittlerweile, dass ich Fehler mache. Jetzt muss ich sie nur noch vermeiden.

18. Gibt es irgendetwas, wofür Du Dein Leben als Künstler und Musiker ohne Bedingungen aufgeben würdest?

Wenn bisher zuverlässig wirkende Verhütungsmethoden versagen und uns der liebe Gott unverhoffter Dinge einen Nachkommen in die Welt setzen würde, auf dessen Ankunft wir nicht vorbereitet wären, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken Abstriche an meinem Künstlerdasein in Kauf nehmen. Bei allen anderen erwünschten oder nicht erwünschten Ereignissen lautet die Antwort vehement und kompromisslos: SICHER NICHT!